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| Der ideale Leser |
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Kapitel oder Geschichte
Review ansehen/ posten Titel: Der ideale Leser Autor: sevil Kapitel: Einteiler Rating: PG Sonstiges: Danke Rodo fürs Betalesen Sprache: Deutsch Datum: 11.03.2009 Wörter: 586 Fandom: Originale - Allgemein Genre: General Zusammenfassung: Ein Stück Computerphilosophie oder Philosophie vor dem Computer. Disclaimer: meine Gedanken, mein Stil, meine Formulierungen
Der ideale Leser
Ich sitze vor meinem Computer und starre auf den Bildschirm, und vom Bildschirm aus starrt ein kleines, leeres Textfenster zurück. Der Cursor blinkt erwartungsvoll und vor meinem geistigen Auge sehe ich den hoffnungsvollen Ausdruck im Gesicht des ansonsten gesichtslosen Autoren. Er wartet auf Kritik und ich auf Inspiration.
Klar habe ich die Geschichte gelesen, fand sie auch ganz gut und einigermaßen interessant, aber das war's eigentlich auch schon. Trotzdem sagt mir mein Gewissen, dass ich ja auch gerne Kritik bekomme, die aus mehr besteht als aus einem Satz, zwanzig Ausrufezeichen und sieben Emoticons. Und diese verflixte Stimme ist verdammt laut.
Also überlege ich mir, was ich mir als Reaktion auf eine meiner Geschichte wünschen würde: Wäre es nicht wunderbar, wenn mir die Leute nicht nur sagen, dass sie meine Geschichte toll finden, sondern auch, welche Stellen sie genau meinen? Und warum. Vielleicht habe ich ja eine besonders treffende Formulierung gefunden, meinen Leser auf neue, verblüffende Gedanken gebracht oder in ihm Gefühle und Erinnerungen geweckt, die ihn an schöne (oder weniger schöne) Momente in seinem Leben erinnern. So was will ich wissen!
Vielleicht hat mein Leser auch nach den ersten vier Absätzen entnervt abgebrochen, aber das will ich ebenfalls wissen. Und ich will für beides zumindest den Ansatz einer Begründung, am besten illustriert mit besonders prägnanten Beispielen aus meiner Geschichte oder seinem Leben. Sachlich und diplomatisch formuliert soll das Ganze auch noch sein und am besten auch noch gut und humorvoll geschrieben, ich will ja beim Lesen auch meinen Spaß haben.
Ach ja, eine eigene Interpretation wäre auch nicht schlecht, damit ich weiß, ob meine Message überhaupt angekommen ist.
Während mittlerweile der Bildschirmschoner endlos lange Rohre ins Nichts baut, komme ich vom Hundertsten ins Tausendste und fange an zu sinnieren:
Wenn also ein guter Kommentar all das erfüllen soll, welche Eigenschaften braucht dann der kommentarschreibende Leser?
Ein Schuss weltverbessernden Idealismus wäre nicht schlecht, sonst würde aus dem Leser meiner Geschichten sicherlich kein kommentarschreibender Leser. Dann braucht er auf jeden Fall eine gewisse Offenheit; er muss sich ja auf meinen Stil, mein Thema, meine Charaktere und meine Sicht der Dinge einlassen. Er muss seine Gefühle und Gedanken nicht nur bemerken, sondern auch analysieren, was in meiner Geschichte ihn darauf gebracht hat. War es ein bestimmter Satz, ein Ausdruck, eine Figur, eine Landschaftsbeschreibung? Selbstreflexion und präzise Analyse sind also gefragt.
Für die Umsetzung braucht er Humor, Kreativität und Einfühlungsvermögen und einen sachlichen, verständlichen und diplomatischen Schreibstil.
Ein Mindestmaß an Intelligenz setze ich bei meinen Lesern sowieso voraus, wie sonst sollten sie meine Geschichte verstehen und mir die tiefschürfende Interpretation liefern, die ich haben will? Um es kurz zu machen, der ideale Leser ist so engagiert und unermüdlich wie Mutter Theresa, so präzise wie eine Präzisionswaage, so analytisch wie Siegmund Freud, so kreativ wie Picasso und so humorvoll wie Oscar Wilde. Der ideale Leser ist ein Universalgenie!
Dieser Gedanke erschreckt mich derart, dass ich mit einem Ruck aus meiner leichten Trance aufwache. Meine rechte Hand bewegt die Maus in einer automatischen Bewegung, die Rohre verschwinden und der hoffnungsvolle Cursor taucht wieder auf. Seufzend starre ich noch ein paar Sekunden auf das leere Textfeld, dann klicke ich resigniert auf das Kreuz in der rechten oberen Ecke und mache mich daran, die Stimme meines Gewissens mit einer Tafel Schokolade zu betäuben. Manchmal funktioniert das sogar.
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